07 August 2009

About Buddys

Ja, ich lebe noch. Nein, kein geisteskranker Frauenabschlachter puhlt sich grad mit nem Zahnstocher die Reste meines linken Oberschenkels aus den Zähnen. Alles gut. Aber schön, dass ihr offenbar alle so fleißig lest. Die Stille ist ein gutes Zeichen. Ich habe mich 5 Tage nicht gemeldet, weil ich die beste Zeit meines Lebens hatte. Wie beschreibt man die? Eigentlich fehlen dafür die geeigneten Worte. Aber ich versuche zu rekapitulieren, was meinen Blick auf einen Schlag so grundlegend verändert hat. Es ist schwierig jemandem wie mir, der nicht wirklich an das Gute im Menschen glaubt, das Gegenteil zu beweisen. Aber es ist passiert. Im Folgenden also etwas über Menschen und Freunde, über Zufälle und Schicksal, über Musik, Sonne, Drinks, Glückseligkeit und einen Hund. Über Buddys.
Der erste davon heißt Mike. Mike ist der Besitzer des Sullivan House, meiner Hütte auf Block Island. Ich sollte ja am Freitag mit der Fähre nachmittags direkt nach Newport fahren. Was macht man an so nem Tag noch großes? Nix. Also saß ich auf der Veranda, habe ein Buch gelesen und auf einmal kam Mike (nur wusste ich da noch nicht, dass das Mike ist) um die Ecke und sagte: "Hey, ich hab dich gestern schon gesehen, aber als ich mich dann mit dir unterhalten wollte, warst du leider plötzlich weg." Und dann erzählte mir Mike, dass er Mike ist. Wir haben uns 2h verquatscht und Mike ist (trotz seiner zutiefst irischen Abstammung) ein Amerikaner, wie es sich jeder Europäer nur wünscht. Gentleman, gebildet, herzensgut und sarkastisch (awww). Anstatt an seine Arbeit zu gehen, hat Mike dann alle meine Koffer in seinen Pick-up Truck geladen und hat mir - ich kann's heute noch nicht fassen - eine Privatführung über die gesamte Insel gegeben. Hat von ihrer Geschichte erzählt und von seiner Geschichte. Und, dass Christopher Walken hier wohnt. Und mein Herz war sein ob dieser ehrlichen, aufrichtigen, liebenswürdigen Art. Und aufgrund der Tatsache, dass man sich mit ihm großartig über die scheiß Jugend von heute unterhalten kann, die in den USA genauso scheiße ist wie in Deutschland. Smile. (Ja, ich weiß, ich habe vorhin gesagt, ich glaube ab jetzt an das Gute im Menschen - außer bei Jugendlichen.)
Kurz bevor es Zeit war zum Hafen zu fahren, hält er dann vor einer Strandbar, drückt mir 20 Dollar in die Hand und sagt: "Go to that guy at the counter and buy yourself a mud slide." A WHAT? Tja, das war die Stunde des Kennenlernens zwischen mir und einem Becher Baileys, Kahlua und Vodka. Um drei Uhr nachmittags. Aber es war großartig. Schmeckt wie Kakao. Naja, fast. Jedenfalls - als hätte Gott meinen Kommentar an Mike gehört (nämlich dass ich es reizend finde, dass er möchte, dass ich die Fähre vollkotze) - wurde die Fähre nach Newport doch tatsächlich ersatzlos gestrichen. HA! Und ich dachte keine Sekunde scheiiiiiße, ich sitze fest (naja gut, vielleicht eine oder zwei), sondern nur hey, it's meant to be. Also fuhren Mike und ich wieder nach Hause. Und hätte ich keinen Ausweg gewusst, hätte ich eine weitere Nacht (gratis) im Haus seiner Familie geschlafen, dass wurde mir unmissverständlich mitgeteilt. :-*
Musst ich aber nicht. Denn während Mike angefangen hat meine Bleibe zu organisieren, habe ich angefangen meine Fähre nach Point Judith, etwa 40 Minuten von Newport zu organisieren. Was nicht so einfach war, weil ich a, eine Abfahrtszeit, b, eine Fährenart und c, eine Verbindung zu Greg (meinem Gastgeber in Newport) herstellen musste, der dort auf mich vergeblich gewartet hat. Ging alles gut und Mike hat mich nochmal zum Hafen gefahren und Greg hat mich aus Point Judith abgeholt. Und das absolut genialste dabei war: Ich musste keine 2h-Kotzfahrt machen, sondern bin mit der kaum wackelnden High Speed Ferry in einer halben Stunde nach Point Judith gedüst. Hehehe.
Und das war's von Block Island.
Tja. Und dann kam Newport. Ich müsste eigentlich einen eigenen Blog über Newport starten. Ein paar Fotos gibt's hier, aber nicht mal davon hab ich viele gemacht.
Newport - Day 1 to 4
Ist dafür alles in meinem Kopf abgespeichert. Wer hätte gedacht, dass das mein Lieblingsstop wird?! Ich erzähle mal etwas über die Leute, mit denen ich jene Tage im Sommer verbracht habe, die mir für immer und ewig in Erinnerung bleiben werden.
Da wäre zunächst Uncle Greg (muhahahaha, sorry, Insider). Manche würden ihn vielleicht als Mann der alten Garde bezeichnen, was insofern zutrifft, als dass er tatsächlich Commander der US Navy ist. (Was jetzt schwierig zu erklären ist, aber es ist schon, wonach es klingt.) Und Professor. Ja, ich hab eine Schwäche für Professoren (hust@Janet) ;-) Was ihn für mich aber viel besser charakterisiert, ist jener seiner vielen großartigen Sätze, an den ich tagtäglich erinnert wurde: "This is MY town, YOU don't pay in MY town." Hahahahaha. Und so war's auch. Fucking generous. Darüber hinaus ist das Hotel Greg das amerikanische Äquivalent zum Hotel Mama. Greg war so nett und hat mich meine Wäsche waschen lassen. Besser gesagt: Ich stopfte das Zeug in die Waschmaschine und als ich Stunden später in die Waschküche kam, war alles schon aufgehängt und als ich einen Tag später in mein Zimmer kam, war alles vorbildlich zusammengefaltet. WTF??!! Ich hab gerade noch ein Shirt ergattert, um es selbst zusammenzufalten, woraufhin ich nur ein lächelnd-verächtliches "What have you done there?" geerntet hab. Muhahahaha. Nebenbei sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass wir seelenverwandt sind. Nicht im Bezug auf Jugendliche, aber in allem anderen. Von dem bißchen, das ich erfahren durfte über sein Leben und seine Haltung dazu, kann ich nur sagen, dass Respekt kein Ausdruck für das ist, was ich ihm gegenüber gerne zollen würde. Das Leben ist alles andere als einfach, wenn man sich einmal verpflichtet hat zu dienen (abgesehen mal von der grundsätzlichen Folterlust des Lebens an sich) und es ist eigentlich unglaublich wie herzensgut und optimistisch dieser Mensch ist, wie hart er im Nehmen ist und wie viel er trotzdem geben kann. Es ist beeindruckend und inspirierend. Und ich hoffe, dass das, was ich zurückgebe, auch nur ansatzweise dem entspricht, was ich bekomme. Dabei habe ich nicht mal seinen Hund im Regen ausgeführt. Schlicht, weil es nie geregnet hat. Aber der Hund ist großartig. Buddy. Genau das ist er auch. I love you guys.
Neben mir haben noch Jen, Andy und Tom das Haus belagert. Jen und Andy wohnen in Boston, Tom wohnt irgendwo in Connecticut, wenn er nicht gerade mit irgendwelchen Brasilianerinnen an der Copacabana abhängt. Kein Witz! :-) Ich hab mir den Arsch abgelacht, hab aber spätestens den Mund gehalten, als er angefangen hat, seine spanische Gitarre zu spielen. W-O-W! Wenn er seine Frauen so behandelt wie seine Saiten, vergesse ich freiwillig, dass er gerne enganliegende funkelnde Christian Audigier-Shirts trägt. Jen und Andy sind die Freunde, die ich mir an der Uni gewünscht hätte. Das erste, was sie nach ihrer Ankunft auf Gregs Küchentisch abgestellt haben, war eine Saftpresse und zwei Kilo Orangen, die sie dann alle vor und für uns frisch ausgequetscht haben. 2 wunderbare, intelligente, bodenständige Menschen, die in ihrer Freizeit in Summer Camps arbeiten oder helfen, New Orleans wieder aufzubauen.
Das schöne ist: Da treffen sich 5 ganz unterschiedliche Menschen für ein Wochenende an einem Ort. Was sie dort erleben, verändert ihr Leben. Findet ihr, das klingt wie die Zusammenfassung eines Film? Find ich auch. So hat sich's auch angefühlt. Ich bin die ganze Zeit rumgerannt und dachte, das ist einfach alles zu schön, um wahr zu sein. Wir waren alle frei. Die Hippiekommune des neuen Jahrtausends. Nur ohne Pot. Ich habe mich allerdings zum ersten Mal auf meiner Reise nach etwas Snuff gesehnt. Hehe. Ich hab so viele Erinnerungen, dass es schwer ist, da die besten rauszupicken, aber mal ein paar Dinge, die so großartig waren wie die Saftpresse.
Da war das Folk Festival. Ich hab die Fleet Foxes, Iron & Wine und Pete Seeger gesehen. Sagenhaft. Das Festival war an einem alten Fort am Meer und wenn der Sonnenuntergang die Bühne erleuchtet, hat das schon eine sehr magische Ausstrahlung. Hab ein bißchen von Iron & Wine mitgeschnitten. Die Qualität ist nicht besonders gut, aber es hält zumindest fest, wie gut der Mann selbst in schlechtem Zustand ist (@Greg: This is for you. Thanks for sharing this moment with me, knowing what it is all about.)

Der alte Pete hat das Entertainen auch noch sehr gut drauf. Und wenn er über Erlebnisse aus den 30ern, 60ern... erzählt, denkt man sich, fuck, ich hab das Jahrhundert verpasst. Naja.
Ich erinnere mich an eine meiner Lieblingsgeschichten nach dem Folk Festival. Wir waren einen, zwei, drei, vier trinken und nach der Sperrstunde hatten auf einmal alle total Hunger. Es begab sich also, dass wir in einen Pizzaladen einfielen und neben uns stand so ne Gruppe von, naja, ich nenne sie mal ganz nett Schlampen. So Mädels in ihren 30ern, die hautenge Kleider anhaben, die ihnen gerade mal - wenn überhaupt - über den Hintern reichen, die Unterwäsche (verkehrtrum getragen) preisgeben, 20cm Absätze tragen, an seltsamen Stellen tätowiert sind und generell überhaupt nicht so aussehen, wie Gott sie geschaffen hat, wenn ihr versteht, was ich meine. War jedenfalls zum Totlachen, bis Greg dann aus Spaß zu Tom meinte, ey, da drüben säße seine Freundin. Wir hätten wissen sollen, dass Tom das als "Hol das Stöckchen"-Anregung versteht. Obwohl selbst er zugegeben hat "that the cure for cancer won't come out of their heads", saßen diese Ladies eine halbe Stunde später alle in Gregs Küche. Jen, Andy und ich haben uns nicht getraut schlafen zu gehen und Greg allein zu lassen aus Sorge, die Damen könnten die Einrichtung ruinieren oder was mitgehen lassen. Sie sind aber dann Gott sei Dank ziemlich bald von selbst abgehauen. Am nächsten Morgen tat es Tom sehr leid und wir haben uns alle weggeschmissen. Aber nie wieder wird ein weißes Kleid für mich Unschuld repräsentieren können.

Am Sonntag waren wir alle ein bißchen träge. Wir waren gegen halb eins frühstücken in so nem saugeilen American Breakfast-Laden. ♥ HA! Den Rest des Tages lagen wir auf Sofas, Jen und Andy haben wieder ihre Saftpresse und einen Beutel Limetten rausgeholt und uns Margeritas gemixt, während Tommy seine Gitarre ausgepackt hat. Und als ich am Montagmorgen aufgewacht bin, konnte ich viel, aber nicht nach Boston fahren. Also hab ich Newport um einen Tag verlängert. Was gut war, denn sonst hätte ich so viel verpasst: Buddys Tennisball-Fanatismus, die Sushi und den Cookie-Vanilleeis-Becher im Cookhouse am Pier und den Vollmond über dem Cliff Walk (ein Wanderweg entlang der Klippen direkt am Meer).
Greg hat mich am Abend nach Boston hochgefahren und wir waren während einem Red Sox-Spiel in Fenway Park! (Was stimmt, nur das es...ähem...ein Auswärtsspiel in Tampa war.) Und als wir ein letztes Mal zusammen Abendessen gegangen sind, kam dann jener Satz aus seinem Mund, den viele von euch für unvorstellbar halten, der aber in diesen Tagen aufgrund der Menge an Dingen, die ich gerne probieren würde, tatsächlich zutrifft: "Iris, wenn ich eines gelernt habe in dieser kurzen Zeit, dann dass deine Augen größer sind als dein Magen." Das hat auch was mit meiner Pancake-Sucht zu tun. Tagelang bin ich in Newport rumgerannt und aufgrund der Fülle der Hauptspeise waren die Pancakes dann am Ende einfach nie drin. Greg hat aber am Montagmorgen Pancakes selbstgebacken, ich habe also mein Ziel doch noch erreicht und dankbar die Reste auch noch von seinem Teller abgekratzt. Tja, und jetzt bin ich in Boston (davon ein andermal), einer wunderschönen Stadt, aber mein Herz ist in Newport. Und ich weiß, ich komme wieder. Ich kann nicht glauben, dass ich morgen nach Canada fliege. Wieso vergehen die guten Zeiten immer viel schneller? Argh. Aber ich habe Menschen getroffen, die ich um nichts in der Welt missen möchte und wenn ich dran denke, dass Tom dieses Wochenende in Gregs Haus zurückkehrt und sicher wieder irgendwas anstellt, dann muss ich mich totlachen. Und es hat auch sein Gutes: Ich kann mich jetzt eincremen, ohne dass Buddy mir die Body Lotion sofort wieder vom Körper leckt. Good times. Miss you much.
So. Und jetzt hab ich Hunger.